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Musiker Magazin 2/2021

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FESTIVAL: Deutscher Rock & Pop Preis 2021 – Konzept; STORIES: TONLAND – Zwei Menschen, zwei Stimmen, viel Gefühl; Kerstin Bogensee – Musikerin aus Leidenschaft und Optimistin aus Überzeugung; Sam Reckless – »Dark Times On Glamroad«; Mick Zimmer – »Das neue Jahr«; VOYAGER IV – »Pictures At An Exhibition«; SAMIYA – Die Stimme einer neuen Generation Soul; Paul Bartsch – Träume im Kopf, Wut im Bauch, Wärme im Herzen; SIHNA MAAGÉ – Soul mit Blick für den Zeitgeist; SPACEMUELLER – Melodischer Indie-Rock mit viel Zerre auf den Gitarren und abgedrehten Rhythmen; ARREST – True Power Metal Band from Germany; Die Historie der Rock- & Popmusik: Randy California und SPIRIT; MUSIKBUSINESS: The Singer’s Coach von LeeZa Nail – Teil 2: Vocal Skills; RUBRIKEN: Musiker-News; Produkt-News; CD-Rezensionen; Titelschutzanzeigen; Kleinanzeigen; Impressum

06 SHORT-TAKES Foto: ©

06 SHORT-TAKES Foto: © Alessandro Biascioli / Adobe Stock WIE CORONA DIE MUSIKINDUSTRIE UMGEWÄLZT HAT Krisen sind Zeiten der Transformation. Welche Spuren also haben eineinhalb Jahre Pandemie in der Popmusik hinterlassen? Die Pandemie zwingt Musikschaffende weltweit in ein Eremitendasein. Künstlerische Isolation, zumindest physisch. Denn: Digital globalisiert sich der Musikmarkt radikal. Nach eineinhalb Jahren ökonomischem und künstlerischem Ausnahme - zustand: Wie hat sich Popmusik verändert? SO VIEL GRATISCONTENT WIE SEIT DER HOCHZEIT DER MUSIKPIRATERIE Am Beginn der Pandemie war das Credo der Kunstschaffenden ohne Bühne: Sichtbarkeit um jeden Preis. Darauf aufmerksam machen, dass ein Veranstaltungsverbot in dieser Branche einem Berufsverbot gleichkommt. Der Bund reagiert mit einem Soforthilfeprogramm über 50 Millionen Euro für Künstlerinnen und Künstler. Für die heißt es nun: Soforthilfeanträge stellen und kreativ werden. Sofa-Konzerte auf Streaming-Plattformen wie YouTube, Facebook oder Twitch. Intime Einblicke auf Instagram. Gags auf TikTok. Nicht alle Musiker und Musikerinnen wollen mitspielen in dem neuen digitalen Aufmerksamkeits- und Sichtbarkeitswett - bewerb: War die digitale Musik-Performance vor Corona nur eine Spielwiese, ist sie nun eine conditio sine qua non – ohne Digitalisierung geht nichts mehr. Ein Folgeproblem: Da jeder gesehen werden will, sind die meisten dieser Streaming-Kon - zerte auf freiwilliger Spendenbasis oder komplett umsonst. Die Krise generiert so viel Gratiscontent wie seit der Hochzeit der Musikpiraterie nicht mehr. Die Pandemie zwingt alle Musikschaffen den in die virtuelle Welt. Wer überleben will, muss mit - ziehen. Eine Fluchtbewegung, die für die Digita - lisierung des Musikkonsums wie ein Brand be - schleu niger wirkt. SOFA-KONZERTE? FUNKTIONIEREN SELTEN! Corona Winter 2020: Die Musiker haben nun Monate ohne echte Konzerte, Tourneen, Fes ti vals hinter sich. Ein Teil ist zwar mittlerweile finanziell durch staatliche Unterstützungen abgesichert, doch künstlerische Isolation im Homeoffice entpuppt sich als zermürbender Dauerzustand ohne Aussicht auf ein Ende. Maurice Summen, Musiker, Mitglied der Gruppe DIE TÜREN und Chef des Berliner Independent-Labels Staatsakt, hatte zu Beginn der Pandemie vor allem mit Förder anträgen zu kämpfen. Dann begann die Zeit der Reflexion: „Wir haben alle danach gesucht, nach technischen Wegen in den letzten Monaten auf irgendwelchen Streaming-Plattformen, irgendwie dieses Live-Erlebnis in die Hütte zu kriegen, also nach Hause. Aber wir haben alle schmerzlich feststellen müssen, es funktioniert nicht.“ STREAMING KANN MUSIKER FINANZIEREN Corona-Gewinner gibt es aber auch in der Musik. Denn die Verkaufszahlen der Platten firmen zeigen ein anderes Bild: 2020 ist ein Erfolgsjahr. Der Um - satz der deutschen Musikindustrie ist im Ver - gleich zum Vorjahr um gut neun Prozentpunkte gewachsen. 1,79 Milliarden Euro wurden eingenommen, so viel wie seit Zusammenbruch des Musikmarktes Anfang der Nullerjahre nicht mehr. Das Besondere: Gut 71 Prozent der Einnahmen stammen aus dem Streaming-Geschäft. Die Börse feiert. Der Aktienkurs des Unternehmens Spotify hat sich verdreifacht. Nach den ersten Monaten der Pandemie ist ein Großteil der soloselbstständigen Musiker und Musikerinnen in Deutschland finanziell durch staatliche Hilfen abgesichert. Zwar hakt es oft mit der Bürokratie und für die meisten bleiben die Lebens - zustände prekär. Aber, wenngleich es zynisch klingt: Die Situation ist nicht schlimmer als normalerweise, zumindest aus Sicht des Musikers und Labelbetreibers Maurice Summen: „Ich kenne eine Menge Leute, die wollen auf gar keinen Fall eine Rechnung stellen vor Juli dieses Jahres, weil sie halt bis Ende Juni noch gefördert sind. Und da und da gibt’s eine Menge Leute, bei denen ist das, was sie bekommen haben, auf keinen Fall weniger als das, was sie unter normalen Umständen verdienen würden.“ STAATLICH GEFÖRDERTE MUSIKPRODUKTION Statt auf Tour zu gehen oder Konzerte zu spielen, bleibt den meisten Musikschaffenden eigentlich nur eine Option: Musik schreiben und aufnehmen. Spätestens während der zweiten und dritten Welle läuft die Musikproduktion an, und weil www.musiker-online.tv

SHORT-TAKES 07 feuert diesen Prozess: Denn durch die Unter bre - chung des klassischen Tour-Album-Tour-Rhyth - mus schafft das musikalische Zwangs-Home - office geradezu Idealbedingungen, um stetig Output zu generieren. Unterstützt die Pan demie die kreative Assimilierung an das Regel werk des Plattform-Streamings? Die Streaming-Plattformen bieten einen Stand - ortvorteil für Musiker mit hoher Schlagzahl. Alben aufbrechen in Singles. Einen Dauer-Buzz erzeugen. Präsent sein in den relevanten Playlists. In diesem digitalen Kontinuum verliert das Album als künstlerisches Format einer gewissen Schaffens periode an Relevanz. Ist das das Ende des Albums? Die Bilanzen der Musikindustrie lassen sich auch anders lesen. Denn während der Pandemie sind die Verkäufe von Vinyl-Platten an - gestiegen. Bewährt sich das Album in der Welt des Analogen? Als disruptives Moment einer ewig zu diesem Zeitpunkt kein Ende der Pan demie in fortblubbernden digitalen Popsoße? Die Musi ke - Sicht ist, beginnen die Leute zu veröffentlichen – rin Mira Mann kann sich das durchaus vorstellen: im Netz. Zu beobachten ist eine staatlich subventionierte Produktion von Musikkunst für den dadurch, dass es vielleicht auf dem absteigenden „Das Schöne an dem Album erstarkt ja auch digitalen Raum. Kein Streaming-Unternehmen Ast ist. Das kann ja auch viele Künstler*innen dazu muss monetäre Anreize setzen; der Trans for ma - bemüßigen, da doch noch mal genauer hinzuschauen. Gleichzeitig sind quasi andere Formen, tions prozess hin zu einer verstärkt digitalen Musik - landlandschaft folgt indirekt aus der Logik der die vielleicht besser in die Zeit passen, auch Corona-Erstversorgung. superspannend.“ Damit man heute mit Songs auf sechs-, sieben- oder achtstellige Abrufzahlen kommt und WAR POP JUGENDKULTUR? damit in den Bereich, in dem Streaming als Ein - Eine qualitative Egalisierung aller Genre gren - nahmequelle relevant wird, müssen Tracks in den zen bringt künstlerische Freiheit. Sie führt aber richtigen Playlists erscheinen. Diese Playlists werden zum Teil algorithmisch von den Plattformen tion als Identifikationsfläche verliert. Ganz ent- auch dazu, dass Popmusik notwendig ihre Funk - zusammengestellt, zum Teil von Menschenhand sprechend der Logik von Social Media und dem kuratiert. Schafft man es in die richtige Playlist, kann algorithmisch organisierten Streaming: Nicht ich das ein wichtiger Multiplikator sein. Wer nicht rein - richte mich nach Pop, sondern Pop richtet sich kommt, für den lassen sich auf Spotify nur läppische Beträge verdienen. Die Münchner Musikerin einer Bewegung: Sie trug die sexuelle Emanzi pa - nach mir. Seit den 1960ern war Musik das Zentrum Mira Mann versucht, sich von diesem Geschäfts - tion in beinahe jede Ecke der Welt, sie war Träger - modell nicht korrumpieren zu lassen. Trotzdem medium antikapitalistischer Utopien. Später hört spürt sie die Präsenz von Playlists: „Ich bin selbst die Gegenkultur Punk, Postpunk, Grunge. In den nicht auf Spotify. Aber meine letzte Single „Komm Neunzigern verliert sich der Hedonismus im einfach“ war bei der Spiegel-Playlist von Spotify Techno, Hip-Hop fungiert als soziales Ventil marginalisierter Gruppen, Indiepop wird zum Anti- und ist seitdem der meistgehörte Song von mir bei Spotify.“ Soundtrack der Hipster-Bewegung und im Hard - rock perpetuiert sich gegen allen Zeitgeist das ALBUM IS OVER? ALBUM IS BACK? Narrativ von unangepasster Maskulinität. Pop - musik ist Jugendkultur. Doch gilt das noch? Die Playlist ist weniger ein minutiös kuratiertes Mixtape als eine stetig wuchernde, kontingente Wie klingt Fridays For Future, wie die LGBTQ+- Browser History. Der ideale Künstler ist in dieser Bewegung? Songwriter Florian Kreier: „Musik und Welt eine Contentmaschine. Jemand, der in der dieses Erwachsenwerden oder diese Mensch - Lage ist, seriell zu arbeiten. Kontinuität statt Dy na - werdung, das wird immer irgendwie zusammengehören und auch sehr viel miteinander zu tun mik. Sich dem Zeitgeist der Algorithmen anzupassen, statt ihn zu brechen. Der Lockdown be - haben. Aber, was man schon sieht, ist, dass es halt TEXT: Maximilian Sippenauer | QUELLE: www.br.de/kultur/musikindustrie-corona-100.html viel mehr Möglichkeiten der Orien tierung gibt. Über Social Media beispielsweise, über diese Ins ze - nierungen. Also ich glaube, während es in den Siebzigern so war, dass man sich entscheiden konnte, hat man jetzt so einen Sportler oder ’nen Rockmusiker als Vor bild irgendwo in Bayern. Auf dem Land kann man sich halt jetzt, glaube ich, zwischen unendlich vielen Sachen entscheiden. Zudem noch ist es so interkultureller oder multikultureller, und es gibt ganz viele Themen, die vielleicht in der Musik gar nicht so gut be - sprochen werden können. Wenn man sich für das Thema im Anti-Rassismus be schäftigt, ist Musik schon so ein Ding. Aber dann sollte man sich auch Speaker*innen anhören, weil es dann vielleicht auch wichtig ist. Und man kann die sozusagen über Insta oder so auf derselben Plattform konsumieren oder sich daran so anleiten lassen. Das ist eine Sache, die hat sich durch Social Media für immer verändert. Also Musik ist nicht mehr so stark in der Prägung für Jugend kultur wichtig, weil es viel mehr aufgeschlüsselte Teil bereiche gibt.“ POPMUSIK ALS AKUSTISCHES TATTOO Popmusik ist heute nur eine von vielen Mö g- lichkeiten, das eigene Selbst zu codieren. Es ist symptomatisch, dass man den Ton bei einer Instagram-Story oder einem Facebook-Post an - schalten kann, aber nicht muss. Popmusik ist eine Option, kein Statement. Sie ist ein akustisches Tattoo, das im besten Fall Trendbewusstsein aus - drückt. Dekoration statt Subversion. Provokativ ist Popmusik allenfalls noch in Form einer an einen E-Scooter geschnallten Bluetooth-Box. Aber viel leicht tut diese ideologische Unverbindlichkeit dem Pop gut. Vielleicht ist genau das der Kitt einer durch das Digitale auf die eigene Singu - larität zurückgeworfenen Gesellschaft. Und vielleicht entwickelt sich im Pop ein neues Gespür dafür, was er eigentlich zu leisten vermag – nicht zuletzt als Live-Moment. Mira Mann: „Pop will Groove, Pop will Sound, Pop will Text, will Lyrik, will Tanz, Choreografie, will Licht, will Ins ze nie - rung, will einfach so alles. Und das ist das, was mich so anzieht an Pop, dass der ja so sowieso allumfassend ist, dass man sich quasi wirklich hingeben muss mit seiner ganzen Ge stalt. Und ich finde, dieser Körper im Pop, das ist ja nicht nur der Künstler in dem Körper, sondern auch der Publikumskörper im Pop, der ist ja was ganz Wichtiges. Und deswegen können wir den natürlich auch empfinden, wenn wir zu Hause auf unserer Couch sitzen. Aber dieser Moment der gleich - zeitigen Empfindung im Groove, das finde ich schon exzeptionell.“ 2/2021 musiker MAGAZIN