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Musiker Magazin 1/2021

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Das Musiker Magazin berichtet über aktuelle Themen der Rock- und Pop-Musikszene, veröffentlicht Fakten und Hintergründe und gibt Tipps und Ratschläge für die professionelle und semi-professionelle Musikszene in Deutschland. FESTIVAL: Deutscher Rock & Pop Preis 2021 – Anmeldung STORIES: Lena Hauptmann – Ihre Songs grooven, fließen und bewegen • BIRD’S VIEW – Jazzakkorde, krumme Taktarten und ein fetter Sound sorgen für originelle Songs • Sascha Salvati – »Künstler müssen einfach mehr zum Unter nehmer werden« • Chris Brandon – EingängigePopsongs, ein Schuss Rhythm and Blues und eine markante Stimme, die vor Energie sprüht • SPY # ROW – Eine neue Ära des Hard Rocks • In den Fängen der roten Ideologen • ZZ Top – That Little Ol’ Band From Texas • DISLIKE SILENCE – Mit einem Knall traten sie 2019 ins Rampenlicht • The Beatles Beat Band – 47 Jahre im Dienst der Pilzköpfe MUSIKBUSINESS: The Singer’s Coach von LeeZa Nail – Teil 1: VOCAL SKILLS • Nur intelligente Einzelkämpfer überleben RUBRIKEN: Musiker-News• CD-Rezensionen• Titelschutzanzeigen• Produkt-News • Kleinanzeigen • Impressum

52 REZENSIONEN

52 REZENSIONEN nahegelegt. Hier finden sich auch die Inspiranten von Wahlmann aus frühen Zeiten: Alex Harvey, The Kinks, Leonard Cohen – ich würde stilistisch um Ziggy Stardust ergänzen. Nachdem Mastermind Wahlmann 2015 bereits sein persönliches 50-jähriges und 40-jähriges Bandjubiläum live feierte, kommt mit „Stolen Dreams In Nearby Lost & Found“ ein auf geringe Stückzahl limitiertes Album heraus, das von Lebens erfahrung und Kreativität nur so strotzt. Es atmet den Spirit der 70er-Krautrocklegenden. Und dies auf eine so coole, unverschämt verspielte Art, wie es selten zu hören war. Sound collagen, souveräner Laid-Back-Groove mal abgedreht psychedelisch, mal folkig in „Dreams & Clouds“ münden in eingängige Melodien, wie in „The Morning“. Die Pro ta gonisten der guten Zeiten des Rock lassen sich wahrnehmen, wenn auch die klassisch rockig besetzte Band absolut original und originell jung klingt. Man wünscht sich ein Album nach dem Tod, der Galgen bleibt leer und Rainer Wahlmann reiht noch einmal Sven Gross (keyboards, voc.), Daniel Minnerath (guitars), Deddé Schäfer (bass, voc.) und Manuel Schwierczek (drums) um sich herum, als die „letzte Rock band vor der Grenze“. www.green-wave-live.jimdofree.com C.S. KEV »Momente.« Den Werdegang von KEV könnte man wohl ein wenig als Justin-Bieber-Geschichte auf Kölsch bezeichnen. Der ausgebildete Erzieher und Musiktherapeut, der bereits seit Kindesalter diverse Instrumente spielt, begann vor einigen Jahren damit, Videos mit eigenen, auf Kölsch verfassten und akustisch begleiteten Kompositionen bei YouTube hoch zu - laden. Die Videos kamen an, vielen Menschen gefielen KEVs Lieder mit Mundart und nach kurzer Zeit wurde sein Produzent Heiko Mürkens auf ihn aufmerksam. Seitdem bilden die beiden ein eng verbundenes Songwriting-Duo, zudem konnte man einen Deal beim Label Mike’s Music Records aus Frankfurt landen. KEVs Musik selber lässt sich dabei am besten beschreiben als Best-Of der seit einigen Jahren so in aller Munde schwin - genden Deutschpop-Poeten – nur mit dem Unter schied, dass die kölschen Texte die Zielgruppe wohl ein wenig eingrenzen (der norddeutsche Autor dieser Zeilen versteht mit Glück die Hälfte der Zeilen auf Anhieb). Ansonsten bietet KEV auf „Momente.“ auskomponierte Singer-Songwriter-Stücke mit oftmals mehr oder weniger stark melancholischem Einschlag. Von tanzbaren Stücken wie dem Opener „Nemm ming Hand“ bis zur Ballade „Jar kein Iwigkeit“ werden alle Dynamiken ausgereizt und machen das Album zu einer vielfältigen Angelegenheit. www.kev-musik.de C.S. ARREST »Reincarnation« Mitten ins Herz eines Metal Heads muss diese Platte treffen. ARREST feiern ihre „Reincarnation“, ein Power-Metal- Album der alten Schule, modern dem Genre entsprechend produziert und gemixt. Wer Helloween, Accept oder die britischen eisernen Jungfrauen zu seinen Favoriten zählt, wird in bester Weise in ARREST genommen. Denn die Band ist in ihrem Fach seit 1992 musikalisch tätig. Mal rocken Frank (guit.), Alex (voc., guit.), Jerry (drums) und Ralf (bass guit.) progressiv mit studiotechnischen Synthiespielereien im Hinter - grund, mal fährt der Metal-Zug mit Double Bass Drumming in höllischer Geschwindigkeit vorwärts. Ihre eigenständigen Songs stehen in nichts den live gespielten Covern von Metallica und Co. nach. Der Opener „Solitary Man“ überzeugt mit vielseitigen Vocals, Atmosphäre und überraschenden Riffs. „Night Stalker“ groovt sogar tanzbar und heavy zugleich. Alben von ARREST verkaufen sich in Japan, den USA und überall, wo Metal gehört wird. Mit ihrem Sound konnten sie auch die Jury des Deutschen Rock und Pop Preises überzeugen – als Gewinner in der Kategorie „bester Song“ mit „Desperate Memories“. Sicher hören wir von ARREST bald Live-Sound auf einem der großen Festivals – nach dem pandemie bedingten Arrest der Kulturszene bestimmt! www.arrestmusic.com C.S. ANDY SUSEMIHL »Burning Man« Andy Susemihl kann wahrlich auf eine bewegte Karriere zurückschauen. Bereits mit zwölf Jahren griff er zum ersten Mal zur Gitarre, stieg schnell auf die elektrisch verstärkte Variante um und machte sich in der deutschen Szene der späten 80er einen Namen. Als Teil der Ursprungsformation von U.D.O. mit Udo Dirkschneider, dem legendären, ehemaligen Accept-Frontmann, wurde er schnell auch über die deutschen Grenzen hinaus bekannt, tourte mit zahlreichen internationalen Rock-Größen und verkaufte Hunderttau - sende Platten. Seit Anfang der 90er ist er neben Aktivitäten mit der Band Sinner vornehmlich solo unterwegs und bastelt an seinem eigenen musikalischen Vermächtnis – das, ganz getreu dem Motto „never change a running system“, nach wie vor schwer auf gitarrengetriebenen Rock’n’Roll ausgerichtet ist. „Burning Man“ heißt seine aktuelle, 2020 veröffentlichte EP, die dem Hörer klassischen, melodischen, eingängigen und bisweilen dynamischen Rock bietet. Neben den eingangs erwähnten Acts kommen hier stellenweise auch zeitgenössischere Bands wie die Foo Fighters, 3 Doors Down oder eben auch die klassischen AC/DC ins Ohr. Musik - geografisch riecht hier alles nach Good Ol’ America. Dazu gesellen sich eine glasklare, druckvolle Produktion und eine Backing-Band, die Susemihls Kompositionen, sein Gitarren - spiel und seinen klaren, melodischen Gesang ins rechte Licht rücken. www.andysusemihl.com P.S. OLLI EHMSEN »Fliegen« Seit 15 Jahren ist Olli Ehmsen bereits als Kindermusiker aktiv. Mit „Fliegen“ ist nun sein neues Album erschienen. Elf Songs zum Mitsingen, Tanzen und Bewegen präsentiert Ehmsen seinem wohl eher jungen Zielpublikum. Tanzbar, leicht rezipierbar, aber ohne einfältig und flach zu sein, kommen die Stücke daher und laden die Kids damit zum Auspowern, zur „Bodypercussion“, aber auch zum Mitdenken, Mitsingen und Mitmachen ein. „Vielfalt ist das Leben“, einer der prägenden Songs der Scheibe, wurde für seine Botschaft sogar zum Siegertitel des Wettbewerbs „Klasse inklusiv – gemeinsam stark“ aus Hamburg erklärt und von Kindermusik-Koryphäe Rolf Zuckowski geadelt. Olli Ehmsens Konzerte bestechen ja seit jeher durch einen ganzheitlichen Ansatz von Bewegung, Rezeption, Zuhören, Nachdenken und Mitmachen – die Stücke seines Albums „Fliegen“ werden sich nahtlos in dieses Konzept einfügen und die Shows weiter bereichern. singen-ist-stark.de P.S. KLAUS MICHEL »Primavera« Die tiefen Wasser der pandemischen Krise, Liebes sehn - sucht und Straßen, um Grenzen zu überschreiten, das sind die lyrischen Zutaten von „Primavera“, dem aktuellen Album von Klaus Michel. Der Musiker, der auch als Gitar ren lehrer firmiert, hat ein wunderbar gitarrenlastiges Americana-Album vorgelegt. Unterstützt wird Klaus Michel von einer top auf - gelegten Begleitband in verschiedenen Besetzungen, u. a. mit Oliver Kölsch (dr.), Mark Horn (pedal steel guit.), Kay musiker MAGAZIN 1/2021

REZENSIONEN 53 Zingler (bass) und gesanglich von Catherine Klier (keys, backing voc.) sowie Ina und Wolfgang Behm. Oft in sehnsuchtsvollen Midtempo-Nummern angesiedelt, fehlt es nicht an Abwechslung. So, wenn es mal schneller rockt, wie bei „Three Weeks (… to Italy)“. In Zeiten, wo der Schengen- Raum in Europa nicht mehr das verspricht, was der Reisende sich von der EU wünschte. Nostalgische Gefühle von Frei - heiten wie dem grenzenlosen Reisen kommen auf. Eine kritische Verarbeitung des amerikanischen postpräsidialen Dramas ums Weiße Haus ist der Song „American Dream“, eine düstere Ballade der Song „Don’t give up“ mit der Chance auf ewige Liebe. Witzig ist das Zitat von Wang Chung aus „Dance Hall Days“ im Song „Hands“. Dann überrascht eine psychedelische Gitarren-Feedback-Orgie in „Passing Away“. Tom Petty würde heute vielleicht ähnlich klingen. Sehr wohl erzählt das Album von Ängsten, Depres sionen und den doch möglichen Wegen aus der Krise. Die Monate des Shut - downs durch das ungekrönte Virus hat Klaus Michel zu diesen Liedern inspiriert, so scheint es. Das Menschliche spiegelt sich doch besonders in der Fähig keit wider, Musik zu kreieren und zu genießen. Dieses Folk- und Country-beeinflusste Rockalbum „Primavera“ ist ein besonders ge lun - gener Beweis hierfür. Gerade jetzt: Prä dikat „Besonders hörenswert“! www.klaus-michel-music.com C.S. GALL/FINGERHUT »Im Dunkeln übers Wasser geh’n« Eine „Rebellin auf leisen Sohlen“, das ist Nadine Fingerhut, eine einfühlsame Singer-Songwriter-Pop-Poetin. Hier zusammen mit Rudi Gall, dem Sänger, Komponist, Texter und Pro - duzent aus Leidenschaft. Gemeinsam haben sie ein gefühlvolles, trocken produziertes, reduziert klingendes Album ge - schaffen. Nadine hat schon jede Menge Liedermacher-Preise eingeheimst und stand schon mit namhaften Größen wie Wolf Mahn, Purple Schulz, Karat und Anastacia als Support auf der Bühne. Viele Radiosender spielten sie in „Hot Ro tation“. Rudi Gall produzierte und sang gemeinsam mit ihr für diese Veröffentlichung. Bei aller Zurückhaltung handelt es sich bei „Im Dunkeln übers Wasser geh’n“ von GALL/ FINGERHUT um eine feine und ausgefeilte dynamische Scheibe zwischen Rock-, Pop- und Jazz-Arrangements. Wohl gefällig, eingängig und hittauglich klingen die beiden dabei, wie in „Wir wollten wissen, wo unser Stern steht“. Hier rockt es, eingeläutet von Geräuschen tickender Uhren in einer Art von Pink Floyds „Money“. Ein Swing-Blues voller Gefühl folgt mit „Bitte wärm nochmal meine Hände“. Anspieltipps gibt es ohne Ende auf diesem Album – nicht nur für die leisen Rebellen unter uns. www.angerhaus-records.de C.S. KATRIN WETTIN »Katrin Wettin & Classic Sounds« Die Tochter einer Mathematikerin und eines Opernsängers entdeckte schon früh ihr Talent für die Violine. Sie absolvierte die Dresdener Spezialschule für Musik „Carl Maria von Weber“ und ging an die Hochschule für Musik in Dresden. In verschiedenen internationalen Projekten baute sie ihr musikalisches Spektrum aus und variierte ihr Können mit Rock, Swing und Pop. Katrin Wettin präsentiert auf ihrem aktuellen Album „Katrin Wettin & The Classic Sounds“ Stücke aus der Rock- und Popmusik souverän. Ihr gefühlvolles Spiel lässt den Crossover der Musikstile mit Klassik verschmelzen. „Bohemian Rhapsody“ ist eine wohlgefällige Produktion, „Highway To Hell“ als orchestrales Ereignis lässt das Feuer der Hölle etwas missen. Dass Katrin als Supertalent im RTL-TV auftrat und ich die blonde sympathische Geigerin spontan mit dem schönen David Garrett vergleiche, ist kein Zufall. Man wünscht dem Album gern ein paar rockige Kanten und Ecken. Für gemütliche winterliche Abende jedoch mag ihr Album bei knisterndem Kamin die Idealbesetzung sein. www.katrinwettin.com C.S. GERALDINO »Banane Banane Banane« Geraldinos Mini-CD beginnt mit einer Liebeserklärung an die Banane. „Jeder mag sie gerne, denn sie hat keine Kerne“, „Grün schmeckt sie nicht, gelb ist sie lecker“ – diesen Ein - sichten kann man sich wahrlich nicht verwehren. Im entspannten Reggae-Groove chillen sich Geraldino und Friends durch den Song. Ein lässiger Gast-Rap von Poppa W, ein stimmungsvoll eingesetzter Hintergrund-Chor sowie ein souliges Saxo - phon-Solo machen den Groove perfekt. Mit seinem untergründigen Humor hat der Song das Poten zial zum Kult-Hit und wird bestimmt nicht nur Kinder begeistern. Denn Kinder sind die eigentliche Zielgruppe Geraldinos und das schon seit sage und schreibe 37 Jahren! Weitere amüsante Geschichten in Lied - form folgen. Ob es um den Besuch einer Fee bei einem ein - samen Jungen in Australien geht, der lediglich ein Hühner bein zum Spielen hat („Eine Geschichte“), um die nervige kleine Schwester Amelie, die den Sänger in den Wahnsinn treibt („Kleine Schwester Amelie“) oder um singende Nilpferde und kletternde Schweine im Garten. Der Fantasie sind keine Gren - zen gesetzt und die Geschichten werden durch passende unterhaltsame Sounds bereichert. Musikalisch bleibt es ebenso abwechslungsreich. Neben den klassischen Band - instrumenten kommen Didgeridoo, Akkordeon, Kontrabass, Bandoneon und Klavier zum Einsatz. So ist die Mini-CD wahrlich eine Wundertüte, und zwar eine ziemlich bunte und lustige! geraldino.net L.K. 8