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Musiker Magazin 1/2021

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Das Musiker Magazin berichtet über aktuelle Themen der Rock- und Pop-Musikszene, veröffentlicht Fakten und Hintergründe und gibt Tipps und Ratschläge für die professionelle und semi-professionelle Musikszene in Deutschland. FESTIVAL: Deutscher Rock & Pop Preis 2021 – Anmeldung STORIES: Lena Hauptmann – Ihre Songs grooven, fließen und bewegen • BIRD’S VIEW – Jazzakkorde, krumme Taktarten und ein fetter Sound sorgen für originelle Songs • Sascha Salvati – »Künstler müssen einfach mehr zum Unter nehmer werden« • Chris Brandon – EingängigePopsongs, ein Schuss Rhythm and Blues und eine markante Stimme, die vor Energie sprüht • SPY # ROW – Eine neue Ära des Hard Rocks • In den Fängen der roten Ideologen • ZZ Top – That Little Ol’ Band From Texas • DISLIKE SILENCE – Mit einem Knall traten sie 2019 ins Rampenlicht • The Beatles Beat Band – 47 Jahre im Dienst der Pilzköpfe MUSIKBUSINESS: The Singer’s Coach von LeeZa Nail – Teil 1: VOCAL SKILLS • Nur intelligente Einzelkämpfer überleben RUBRIKEN: Musiker-News• CD-Rezensionen• Titelschutzanzeigen• Produkt-News • Kleinanzeigen • Impressum

36 STORIES In der Folge

36 STORIES In der Folge entstanden weitere solcher Clips. Dadurch wurde das Image der Musiker nachhaltig geprägt als Figuren, die eher in eine Comedy passen, als dass man sie rockend auf der Bühne erwartet. Zu der schnellen Musik, ihrem Flitzer und den Frauen, denen die Band immer wieder hinterherschaut, steckten Gibbons und Hill in Fan tasie - anzügen und spielten auch schon mal pelzbesetzte Instrumente. In dem Stil wurde ebenfalls der Clip zur ZZ-Top-Version des Elvis-Presley-Songs „Viva Las Vegas“ gedreht, der sich optisch ganz in die künstliche Welt der Spielerstadt in der Wüste anschloss. Wie man auch dazu stehen mag: Der Band war es gelungen, gute Songs geschickt mit viel Zeitgeschmack über kleine Filme im Be - wusstsein des Publikums zu verankern. 2008 brachten Warner Brothers ZZ Tops wirtschaftliches Meilenstein-Album, das stilistisch kaum weiter von „Degüello“ hätte entfernt sein können, stark erweitert und mit einer Extra-DVD heraus. Der Hit „Legs“ war gleich viermal vertreten: als LP- und Single- Version, als Dance Mix und als Videoclip. Dazu kamen einige Live-Aufnahmen von Album-Titeln auf CD und DVD und die schon genannten vier Videoclips. Der enorme Erfolg von „Eliminator“ hatte musikalisch seinen Preis. Die folgenden beiden ZZ-Top- Alben hinterließen den Eindruck von Musikern, die Ge fan gene des Mainstreams waren und bis auf Weiteres keinen Weg daraus heraus fanden. Auch wenn „Afterburner“ (Oktober 1985) erneut den Nerv des Publikums traf und der Band noch mehr Fans hinzugewann, wirkt die künstliche Atmo - sphäre, als die Band nach „Eliminator“ etwas Ähnliches nachlegen musste. Mit den vier Video - clips zu den Albumtiteln „Sleeping Bag“, „Stages“, „Rough Boy“ und „Velcro Fly“ wurde die bisherige kassenträchtige Vermarktungs strategie weiter verfolgt. Musikalisch war von ZZ Tops ehemals kraftvollem Bluesrock-Sound nur noch in „Rough Boy“ etwas zu finden. Hatte man sich deswegen in den Album-Credits zum umfassenden Syn the - sizer-Einsatz vorsichtshalber ausgeschwiegen? Das fünf Jahre später entstandene Album „Recycler“ ließ vergangene Tage auch nur mit dem Boogie „My Head’s In Mississippi“ einigermaßen wiederaufleben. Man stattete dieses Stück neben dem besser in die Disco-Ära passenden „Give It Up“ sowie „Burger Man“ abermals mit Video clips aus. Wieder dauerte es Jahre, bis das Trio mit einem neuen Album herauskam. Man war mit „Antenna“ von 1994 zu RCA gewechselt und von Synthesizern weggekommen, um zum be währten soliden Bluesrock zurückzukehren. Die Liebhaber der Band honorierten das. Auch dank umfangreicher Werbung verkaufte sich „Antenna“ sehr gut, wenngleich die außergewöhnlichen Dimen sionen von „Eliminator“ nicht erreicht wurden. „Pincushion“ wurde ein Hit und als Maxi-Single in zwei Fas - sungen ausgekoppelt. Und dennoch wollte der Funke auf „Antenna“ nur selten überspringen. 1996 verzichtete die Band für die Produktion von „Rhythmeen“ auf Overdubs. Im reinen Drei- Mann-Live-Stil entstanden viele beinharte Songs wie „She’s Just Killing Me“ für den Gangster/ Vampir/Splatter-Film „From Dusk Til Dawn“ von Robert Rodriguez und die Hommage „Vincent Price Blues“. Vorab hatte man schon den Titel „What’s Up With That“ veröffentlicht, ohne dass daraus ein Hit wurde. An die Ver kaufserfolge von „Eliminator“ bis „Antenna“ reichte „Rhythmeen“ nicht heran. ZZ Top hatten sich aber klar auf die Blues rock-Stärken zurückbesonnen. Konsequent blieb die Band sich treu und beschritt diesen Weg 1999 mit „XXX“ weiter, einem Album mit acht Studio- und vier Live-Auf nahmen. Zwar gingen die Ver käufe erneut zurück, und die Kritik begegnete dem Album mit ge mischten Reak tionen. ZZ-Top- Fans werden aber ein so mitreißendes Stück wie „Beatbox“ bejubelt haben. Schließlich fühlt man selbst, ob Musik unter die Haut geht oder kalt lässt. Ähnlich wie mit „XXX“ erging es der Band mit ihrem 2003 erschienenen Album „Mescalero“. 17 Stücke hatte man zusammenbekommen, die Gibbons als einfallsreichen Song writer auswiesen und für die Art Musik standen, die ZZ Top einst berühmt ge macht hatten. „Goin’ So Good“ ist ein weiterer meisterlicher Slow-Blues, der im Spannungsfeld der hochverstärkten Elek tro gitarre und der geradezu zart klingenden Pedal Steel Guitar steht. Als sogenannten Hidden Track brachte man den Song „As Time Goes By“ unter. Über 25 Jahre nach „Tejas“ war mit „Crunchy“ auch eines der seltenen Instrumentals dabei. Diese Linie mit frischen Ideen fortzuführen, war allerdings offenbar schwerer geworden. Ein neues Album entstand erst, als der renommierte Produzent Rick Rubin sich anbot, es gemeinsam mit Gibbons zu produzieren. Diese Zusammen - arbeit war jedoch genau das, worauf die Lieb haber der Band ge wartet hatten. Wie kaum ein anderer hatte es Rubin verstanden, wesentliche und unverwechselbare Eigenheiten herauszustelllen, die auch schon betagteren Künstlern eine be - sondere Frische bewahrt. Das bisher letzte ZZ-Top-Studio-Album „La Futura“ von 2012 für das neue Label america glänzt und verhehlt zugleich nicht die lange Band-Geschichte. ZZ Tops Hot Rod war schon lange nicht mehr auf einem Album-Cover zu sehen gewesen. Nicht mehr hochpoliert, sondern gleichsam mit Patina be - setzt und mit der einen oder anderen Schramme versehen ist das Gefährt auf der Rückseite des CD-Covers zu sehen. Aber es ist noch immer fahrbereit. Und auch der einem Blitz nachempfundene Schrift zug des Bandnamens sieht eher danach aus, als ob Zorro ihn mit seinem Degen dahingeritzt hätte. Wie lebendig die Band war, zeigte ihr als Blu- Ray veröffentlichter Auftritt „Live At Montreux“ auf dem Montreux Jazz Festival von 2013. Ge - mein sam mit einigen Gästen spielten sie ein energiereiches, spannendes Konzert, in dem auch einige musikalische Leckerbissen außerhalb des ZZ-Top-Kanons zu finden sind. Gibbons hat seit „La Futura“ zwei Soloalben vorgelegt. „Perfecta- mundo“ von 2015 mit den BFG’s wandelt gekonnt auf ungewohnten afro-kubanischen Pfaden, während „The Big Bad Blues“ von 2018 allen Er - wartungen gerecht wird, die man mit Gibbons und ZZ Top verbindet – nur dass Beard und Hill nicht dabei sind. Die Abstände zwischen den Studio-Alben be deuteten nicht, dass die Musiker sich zurückgezogen hatten. ZZ Top blieben aktiv und traten live auf. Zu Gibbons’ augenzwinkerndem Image zählte schon seit vielen Jahren die mit Noppen besetzte Nudu-Kopfbedeckung, die er meist unter musiker MAGAZIN 1/2021

STORIES 37 »Wenige Musiker können im Rockgeschäft auf eine mittlerweile über fünf Jahrzehnte andauernde gemeinsame Karriere zurückblicken und von sich sagen, dass man es über all die Jahre doch miteinander ausgehalten hat.« seinem leicht verbeulten Hut trägt. Längst war er gefragter Gastmusiker auf Alben von Jeff Beck, Gov’t Mule, Buddy Guy, Warren Haynes, B.B. King, John Mayall, Johnny Winter und Ronnie Wood, um nur wenige zu nennen. Für die CD „Butchering The Beatles“ steuerte Gibbons eine spannungsgeladene Version des ohnehin harten Songs „Revolution“ bei. 2004 wurde die Band in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen. Die Ein füh rungsrede hielt Keith Richards. Ebenfalls 2004 lud Eric Clapton ZZ Top zu seinem Crossroads Guitar Festival ein und wiederholte die Einladung zum Festival von 2010. 2008 kamen zusammen drei DVDs mit Live-Konzerten heraus, zwei davon mit Auftritten aus jenem Jahr. Die Band präsentierte sich in bester Spiellaune, vor allem bei „Live From Texas“. Als Beigabe unterhielten sich die drei Mu - siker während eines Pokerspiels über die Band ge schichte und spielten dann während eines anderen Konzertes den Jimi-Hendrix-Song „Foxey Lady“. Von der generationsübergreifenden Beliebtheit der Band zeugen diverse Sampler. Nach „Tejas“ wurde „The Best of ZZ Top“ mit dem Untertitel „10 Legendary Texas Tales“ herausgegeben, um die Zeit bis zur Veröffentlichung von „Deguëllo“ zu überbrücken. ZZ Top „Greatest Hits“ kam 1992 mit zwei bis dahin unveröffentlichten Stücken auf den Markt. 2004 wurde das „Best of“ unter dem Titel „Rancho Texicano – The Very Best of ZZ Top“ auf zwei CDs erweitert. „The Very Baddest of ZZ Top“ von 2014 bezog danach auch die Alben bis „Mescalero“ ein. Eine etwas andere Art des Best of war die Live-CD „Live! Greatest Hits From Around The World“ mit zwei Stücken, auf denen sich Jeff Beck der Band angeschlossen hatte („Rough Boy“ und „Sixteen Tons“). Und natürlich war zum 50-jährigen Jubiläum noch ein Sampler fällig, der „Goin’ 50“ genannt wurde und mit schwarzem Cover versehen auf drei CDs angewachsen war. Nicht nur „La Futura“ war vertreten, sondern man hatte auch tief im Archiv nachgeforscht und die Band-Single aus dem Jahr 1969 mit den Stücken „Salt Lick“ und „Miller’s Farm“ wieder ans Licht befördert. Parallel wurde eine abgespeckte Version mit nur einer CD im gelben Cover angeboten. Wer so vieles zusammentragen kann, hat auch viele Verehrer unter den Kollegen. Bisher sind 2010 und 2011 die beiden CDs „Just Like ... Tribute to ZZ Top“ und „ZZ Top. A Tribute From Friends“ erschienen. Nicht zu vergessen ist auch der schon genannte Blues- Sampler „One Foot In The Blues“ von 1994. Und 2006 hatte sich im Nimbus des großen Band - namens auch die CD-Box „The Beginning of ZZ Top“ mit Aufnahmen der verschiedenen Bandvorläufer am Markt platzieren lassen. 2018 spielte die Band gemeinsam mit John Fogerty die Blues and Bayous Tour, in deren Vorfeld Fogerty Gibbons als seinen Lieblings - gitarristen bezeichnet hatte. Wer hätte daran ge - dacht, Musik von Creedence Clearwater Revival und ZZ Top gemeinsam mit Musikern dieser Bands auf einer Bühne zu erleben? Zum 50-jährigen Bestehen tourte die Band 2019 international und brachte die gelungene, unterhaltsame Dokumentation „That Little Ol’ Band From Texas“ auf Blu-Ray heraus mit einer Fülle von Filmauf - nahmen, die bis in die Zeit vor Grün dung der Band zurückreichen. Eigens für die Produktion hatten sich Beard, Gibbons und Hill für einige Aufnahmen in die Gruene Hall im texanischen New Braunfeld eingefunden und spielten frisch ihre vertraute Musik, die vergessen ließ, dass man 70 geworden war und sich zum Musi zieren schon mal hinsetzen musste. Aber ihre gute Musik war eben nicht gealtert. Wenige Musiker können im Rockgeschäft auf eine mittlerweile über fünf Jahrzehnte andauernde gemeinsame Karriere zurückblicken und von sich sagen, dass man es über all die Jahre doch miteinander ausgehalten hat. Längst haben sich ZZ Top wie andere bekannte Musiker im Kreuzfahrtge schäft mit Rock & Blues Cruises Fuß gefasst. Corona hat den nächsten Turn allerdings vorerst auf 2022 verschoben. An Langlebigkeit können ZZ Top es mit den Rolling Stones aufnehmen, die sich für dasselbe Jahr anschicken, ihr 60-jähriges Be stehen mit einer neuen Millionen-Tournee zu feiern. Im Unter - schied zu ZZ Top sind die Stones aber nicht ohne Um- und Neubesetzungen ausgekommen. NÄCHSTE FOLGE: RANDY CALIFORNIA UND SPIRIT WEB: WWW.ZZTOP.COM TEXT: DR. NORBERT APING FOTOQUELLE: ZZ TOP GRAFIKEN: © REICHDERNATUR / ADOBE STOCK DR. NORBERT APING Geboren 1952, Buchautor und Direktor des Amtsgerichts a. D. in Buxtehude 1/2021 musiker MAGAZIN