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Musiker Magazin 1/2021

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Das Musiker Magazin berichtet über aktuelle Themen der Rock- und Pop-Musikszene, veröffentlicht Fakten und Hintergründe und gibt Tipps und Ratschläge für die professionelle und semi-professionelle Musikszene in Deutschland. FESTIVAL: Deutscher Rock & Pop Preis 2021 – Anmeldung STORIES: Lena Hauptmann – Ihre Songs grooven, fließen und bewegen • BIRD’S VIEW – Jazzakkorde, krumme Taktarten und ein fetter Sound sorgen für originelle Songs • Sascha Salvati – »Künstler müssen einfach mehr zum Unter nehmer werden« • Chris Brandon – EingängigePopsongs, ein Schuss Rhythm and Blues und eine markante Stimme, die vor Energie sprüht • SPY # ROW – Eine neue Ära des Hard Rocks • In den Fängen der roten Ideologen • ZZ Top – That Little Ol’ Band From Texas • DISLIKE SILENCE – Mit einem Knall traten sie 2019 ins Rampenlicht • The Beatles Beat Band – 47 Jahre im Dienst der Pilzköpfe MUSIKBUSINESS: The Singer’s Coach von LeeZa Nail – Teil 1: VOCAL SKILLS • Nur intelligente Einzelkämpfer überleben RUBRIKEN: Musiker-News• CD-Rezensionen• Titelschutzanzeigen• Produkt-News • Kleinanzeigen • Impressum

32 STORIES ZZ Top hörte

32 STORIES ZZ Top hörte ich irgendwann im Herbst Von 1973 das erste Mal in einem Schall - platten geschäft, das hin und wieder Import-LPs im Angebot hatte. Der Händler spielte gerade ein Blues-Boogie-Stück ab, das mir verdächtig nach Canned Heat zu klingen schien. Das war aber der Song „La Grange“ von der grünen LP „Tres Hombres“. In der Ladenatmo sphäre konnte ich den Text nicht richtig verstehen, dafür ging die Musik durch Mark und Bein. Deswegen nahm ich mir vor, die LP an einem anderen Tag genauer anzuhören. Doch da war sie schon verkauft. Um die sechs Jahre später kündigte der WDR an, dass ZZ Top in den frühen Morgenstunden des 20. April 1980 in der 6. Rockpalast-Nacht auftreten würden. Ende August 1979 hatte die Band in den USA ihr Album „Degüello“ für Warner Brothers herausgebracht, wovon man in Deutschland prak - tisch nichts erfahren hatte. ZZ Top waren hier kein Begriff. Rockpalast-Nächte waren allerdings als Ereignisse der Rockmusik quasi Pflicht pro - gramm, und das Motto der Band „Let’s boogie til the cows come out“ machte die Ankündigung noch verlockender. Videorekorder eingeschaltet und Tonbandmaschine angeworfen. Und dann spielte das Trio Frank Beard (Drums), Billy Gibbons (Gitarre) und Dusty Hill (Bass) ein entfesseltes Konzert, das ZZ Top nicht nur als Musiker der Extraklasse auswies, sondern mit zu den besten Rockpalast-Auftritten überhaupt zählt. Es leuchtete zu einigen Sekunden mexikanischer Bläsermusik der scheinbar in Flammen stehende Schriftzug „Fandango“ auf, und dann entfachten die drei Musiker weit nach Mitter nacht sofort mit dem Isaac-Hayes-Stück „I Want To Thank You“ ihr Bluesrock-Feuerwerk, das bis zum Ende des Konzertes kraftvoll loderte. In der Essener Grugahalle spielten ZZ Top bis auf wenige Ausnahmen die Songs von „Degüello“ und dazu einen Querschnitt aus ihrem Repertoire, das viele Dauerbrenner enthielt, wie die Band ge - schichte im Nachhinein zeigt. Gibbons und Hill bedienten optisch mit ihren langen Bärten einen latenten Hinterwäldler-Look, der im scharfen Kontrast zu der wuchtigen, fulminanten Musik der Band und Beards exzellentem Schlag zeug als Rückgrat stand. Im Handumdrehen hatten ZZ Top auf einer Bühne ohne Ausstat tungs effekte durch ihre Musik und ihre Präsenz die Besucher in der Halle und vor den TV-Schirmen für sich ein - genommen. Auf „I’m A Fool For Your Stockings“ stimmte Gibbons sie mit „It’s Blues Time!“ ein. Natürlich war auch ihr „La Grange“ dabei. Nun war zu verstehen, wovon dieser Blues-Boogie handelte: Väter führten ihre noch jungen Söhne in dem gleichnamigen Bordell in die Welt der Sexualität ein. Billy Gibbons machte deutlich, dass er Top-Gitarrist und überzeugender Blues - That Little Ol’ Band From Texas Mehr als 50 Millionen Tonträger konnten ZZ Top in den 45 Jahren seit ihrer Gründung verkaufen, 2004 wurden sie in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen. Vor allem ihre ursprüngliche Rauheit, die konsequent auf jedes Overdubbing im Studio verzichtet, sorgt dafür, dass die Band aus Houston, Texas, noch immer der Inbegriff des bodenständigen Boogie-Rocks ist. sänger in einer Person ist. Überhaupt war auch das Album „Tres Hombres“ gut vertreten, zum Beispiel mit den beiden ineinander übergehenden Blues-Stücken „Waiting For The Bus“ und „Jesus Left Chicago“. Ein selten live gespieltes Stück war „El Diablo“ von dem Album „Tejas“. ZZ TopS deftig-drastische Songtexte waren meistens gar nicht jugendfrei, passten aber zu dem von Blues und Rhythm and Blues geprägten Bluesrock – Musik, die ja auch kein Blatt vor den Mund nimmt. Wie gut ZZ Top sich auf Show verstanden, zeigten Filmaufnahmen von ihnen als die „Lone Wolf Horns“, die im zweiten Teil des Kon - zertes auf einer Leinwand hinter den Drums unter - legt mit Ton zu einigen Stücken pro jiziert wurden. Auf diese Weise begleitete sich die Band selbst als Bläsergruppe. Mit einem atemlosen Set von fünf Songs ging der ZZ-Top-Auftritt kurz vor sechs Uhr morgens zu Ende. Dazu ge hörten „Hi- Fi Mama“, der Elvis-Presley-Klassiker „Jailhouse Rock“ und der Bandsong „Tush“, allesamt ge - sungen von dem bekennenden Presley-Fan Hill, der sich mit seiner kraftvollen Stimme nicht zu ver - stecken brauchte. Mit dem bisher noch nicht auf LP veröffentlichten „Tube Snake Boogie“ und „Just Got Paid“ vom zweiten Band-Album „Rio Grande Mud“ ging das spannende Konzert zu Ende. Danach konnte man sich nur noch den Schweiß von der Stirn wischen, den die Begeisterung für diesen texanischen Bluesrock vom Feinsten ins Gesicht getrieben hatte: Was für ein Konzert und was für eine Live-Band! Es dauerte knapp 40 Jahre, bis das Rockpalast-Konzert offiziell als CD (um sechs Songs gekürzt) und bald danach als DVD (vollständig) unter dem Rockpalast-Banner herauskam. Der Rockpalast-Auftritt war eine doppelte Premiere für Beard, Gibbons und Hill: ZZ Tops erster Auftritt in Europa und ihr erstes TV-Kon - zert weltweit. Die Begeisterung der Zuschauer in der Grugahalle und an den TV-Geräten hatte in den der Eurovision angeschlossenen Ländern schnell Folgen. Die Band war mit einem Schlag zum internationalen Top Act geworden. Kurze Zeit später waren alle ZZ-Top-Alben seit Grün dung der Band in Plattenhandlungen erhältlich und führten kein Nischendasein mehr. Sehr schnell kehrte die Band nach Deutschland zurück und spielte im Hamburger Musikclub Grünspan auf dem Kiez musiker MAGAZIN 1/2021

STORIES 33 ein weiteres herrliches Konzert. Dort war die Atmo - sphäre natürlich ungleich intimer als in Essen. Die noch vor Kurzem großen Unbekannten aus den USA hatten sich schon 1969 gegründet. Der Bandname stammt Gibbons zufolge von ihm und ist eine Verbeugung vor dem Bluessänger Z.Z. Hill und vor B.B King, einen der bedeutendsten Bluesgitarristen. Um King nicht zu sehr in den Vordergrund zu stellen, ersetzte Gibbons den Namen durch „Top“. Als ZZ Top in Europa bekannt wurden, kursierte auch eine andere Ver - sion über die Entstehung des Bandnamens: Er sollte auffallen und beim Stöbern in Schall platten - läden unter den alphabetisch nach Bands sortierten LPs ganz am Ende leicht zu finden sein. Kein anderer Band name begann mit „ZZ“. Um nicht den Eindruck aufkommen zu lassen, wo - möglich musikalisch am Ende zu rangieren, wurde „Top“ hinzugefügt. Passen würde diese Version zum unterhaltsamen Trio, aber die Authentizität ist nicht garantiert. Alle drei Musiker sind 1949 geboren und hatten vor Gründung von ZZ Top musikalische Erfah - rung in Bands wie American Blues, Blues Union und Warlocks gesammelt. Vor allem Gibbons war mit seinen Gitarrenfähigkeiten auf gefallen. 1967 spielte er im Vorprogramm der Doors und 1968 vor Auftritten von Jimi Hendrix, der Gibbons als seinen Lieblings gitarristen be zeichnete. Im selben Jahr war Gibbons Mit glied der Moving Side walks, die die psychedelisch beeinflusste hörenswerte LP „Flash“ bei einem kleinen Label mit ersten An - klängen an ZZ Top herausbrachten. Unter dem Namen „Blues Union“ war schon einmal Jahre vor „Deguëllo“ der intensive Blues-Song „A Fool For Your Stockings“ aufgenommen worden. Wurzel des ZZ-Top-Bluesrocks ist der Blues mit unterschiedlichen Ausprägungen als Boogie, Southern Rock, Hard Rock und gelegentlichen An klängen an Country-Musik. Das Kategorisieren sollte aber nicht zu einem Schubladendenken führen. Die Band steht für weiterentwickelten, modernen Blues eigener Couleur. Der überzeugende Sampler „One Foot In The Blues“ von 1994 umreißt die Band treffend und zeugt von ihrer hohen Kom petenz. Was in ZZ Top steckt und man von der Band erwarten durfte, zeigte das 1970 aufgenommene und Anfang 1971 veröffentlichte Debütalbum „ZZ Top’s First Album“ auf dem Label London. Es ist ein beachtliches Debüt album, das die Stärken der Bandmitglieder erkennen lässt. Im Mittel punkt stehen Gibbons’ virtuoses Gitarrenspiel und sein unverwechselbarer Bluesgesang. Stellvertretend sei der Song „Brown Sugar“ genannt. Gibbons favorisierte seine Gibson Les Paul Pearly Gates. Er zog dünne Saiten auf, die er anstelle eines Plek trums mit einer Münze anschlug. Später kam der von Tom Scholz entwickelte handliche Gitarren verstärker Rockman hinzu, der für den unverwechselbaren kratzigen Gitarren - sound sorgte. Er wurde zum Markenzeichen von ZZ Top und von den Leadgitarristen der deutschen Band Rodgau Monotones als ZZ-Top- Fans kompetent aufgegriffen. Der Nachfolger „Rio Grande Mud“ punktete mit spannenden und originellen Songs, dazu der erste Hit „Francine“. Stell ver tretend für den ureigenen ZZ-Top-Stil ist der Slide-Rock „Just Got Paid“ mit 8 1/2021 musiker MAGAZIN